• Renan Sari Winkler

Interview Monika Baumeister, Klassenlehrerin der neuen internationalen Klasse der GHS

Interview Monika Baumeister



Renan: Als Klassenlehrerin der Schüler*innen aus der Ukraine, wie hat die Organisation funktioniert und wie kam es dazu, dass du die Organisation übernommen hast und dort Klassenlehrerin geworden bist?

Monika: Die Organisation war sehr unbürokratisch insofern, dass dann klar war, dass die Turnhalle, die Sporthalle der Hugo Junkers Realschule als Unterkunft für ukrainische Flüchtlinge zu Verfügung gestellt wurde. Es war auch klar, dass die umliegenden Schulen sich darum bemühen, sollten diese Kinder mit Schulplätzen zu versorgen und da die Hauptschule Aretzstraße eigentlich die Schule ist, die schon sehr frühzeitig internationale Klassen eingerichtet hat und auch seit Jahrzehnten ein bisschen spezialisiert ist auf diese Kinder, bot sich das an. Das fing an mit afghanischen Flüchtlingen, afrikanischen Flüchtlingen in den Jahren 2015/16 aus Syrien, Irak und nochmal Afghanistan haben wir ja sowieso immer drei oder vier internationale Klassen für Deutsch Quereinsteiger. Und auf Grund der Nähe zu der Turnhalle, wo so viele jetzt wohnen, bot sich das an das an dieser Schule zu machen. Normalerweise werden die Kinder, die aus dem Ausland kommen, sei es aus Kriegsgebieten oder aus osteuropäischen Ländern z. B. Bulgarien über das kommunale Integrationszentrum an die Stadt gemeldet und an die Schulen verteilt und das konnte man jetzt sozusagen auf dem ganz kleinen Dienstweg umgehen, indem man sagt, wir richten jetzt eine Klasse neu ein. Und dann hat sich das so ergeben, dass ich seit 10 Jahren an der Schule tätig bin und bis vor einem halben Jahr als Honorarkraft angestellt war. Zunächst war ich nebenberuflich als Honorarkraft angestellt und bin dann immer mehr eingestiegen und habe zunächst immer Vertretungsverträge bekommen für erkrankte Kolleginnen und dann ging das nicht mehr, da die Schülerzahl runtergegangen sind und es wurde keine neue Vertretungsstelle bewilligt. Dann hieß es aber, dass wir eine Corona Aufholstelle bekommen, diese Ankommen nach Corona Stelle. Die Stelle wurde im Oktober beantragt und dann hieß es jetzt im November und Dezember, dass die Verträge dafür geschrieben werden, weil das andere Verträge sind als bei den Vertretungsstellen. Das hat sich dann aber jetzt bis März hingezogen, und dann ergab sich das so, dass der Vertrag für diese Stelle an die Schule geschickt wurde, ich den unterschreiben sollte aber in diesem Moment eben auch Anfang März die ersten Flüchtlingsfamilien hier ankamen und darüber bin ich jetzt als zusätzliche Corona-Lehrkraft an diese Klasse gekommen. Und es wurde eine Klassenleitung gesucht die ein bisschen Erfahrung hat mit Deutsch als Zweitsprache und das habe ich ja jahrelang gemacht, zwar nicht als Klassenlehrerin, aber damit habe ich quasi hier angefangen.


Renan: Und wie erlebst du die aktuelle Situation in der Klasse also wie erlebst du auch die Kinder und Jugendlichen? Vielleicht kannst du vorab auch kurz sagen, ob das von den Altersgruppen sehr heterogen ist?

Monika: Eigentlich ja (lachen). Letzte Woche habe ich es als anstrengend empfunden, es war ein bisschen chaotisch, wir mussten diesen Klassenraum sehr schnell einrichten, da fehlte es zum Teil an Möbeln, an Schränken und dann war nicht ganz klar welche Kinder in der Klasse sind und welche nicht. Weil die Klassenliste noch nicht vorlag als ich anfing hatte ich in der ersten Woche Jugendliche, das war auch so angedacht, also von 14-16, aber dann sind zwei jüngere, ein zehnjähriger und ein zwölfjähriger einfach mitgelaufen und da ich keine Liste hatte habe ich gesagt ok, die anderen Klassen waren ja auch voll, dann setzt euch erstmal dazu. Und das war schwierig. Der eine war sehr unruhig, machte auch den Eindruck, dass er einfach nicht glücklich ist und fand sich nicht gut zurecht. Und der andere war sehr still, da wusste ich nicht, ob er einfach schüchtern oder unglücklich ist aber das haben wir dann letzten Freitag gelöst. In der Deutsch Anfänger Klasse für jüngere Kinder war noch ein Platz frei und dann konnte der Junge zu den Altersgenossen. In der Klasse sind jetzt mittlerweile schon drei ukrainische Jungs, gestern sind noch zwei dazu gekommen, die sind jeweils 13, aber das ist ok, das geht. Also 13, 14, 15 und auch zwei 16jährige in der Klasse. Aber das ist okay, auch von den Interessen das kann man eigentlich ganz gut vereinbaren. Ich habe den Eindruck, dass eigentlich alle sehr froh darüber sind, dass sie jetzt einen gewissen geregelten Ablauf haben. Die sind sehr lernwillig, sehr motiviert und haben auch Lern- und Schulerfahrung. Sie sind aus der Schule gekommen und zwei Tage später mit einem gepackten Koffer losgezogen und dann haben sie vielleicht zwei Wochen hier ohne Schule verbracht und das ist ein enormer Unterschied zu vielen syrischen und irakischen Kindern von vor 7 Jahren, die zum Teil zwei, drei Jahre in Flüchtlingslagern waren, ohne Schulunterricht oder die in Syrien nur ein oder zwei Schuljahre hatten vor dem Krieg oder im Krieg und dann hier ankamen, mit einer enormen Lücke an mangelnder Schulerfahrung und Schulpraxis. Das war einfach damals sehr schwierig die Kinder zu motivieren und auch so ein bisschen Ruhe reinzubringen, dass die auch mal eine Stunde an ihrem Platz sitzen bleiben.


Renan: Siehst du irgendwo Bedarfe, um das Ankommen der ukrainischen Kinder und Jugendlichen weiter zu erleichtern?

Monika: Also jetzt hier an der Schule ist es so, dass wir unglaublich viel Unterstützung bekommen. Und ich denke wir können nach den Osterferien, wenn wir einen neuen Stundenplan für die Klasse machen, schauen wo noch Bedarf ist und wie wir die Unterstützung verteilen, sodass dann jemand zur Unterstützung in eine andere internationale Klasse gehen kann. Bei den Kleinen gibt es wie gesagt auch drei ukrainische Jungs. Wichtig ist aber auch, dass die anderen Kinder nicht vergessen werden. Es dreht sich jetzt alles um ukrainische Kinder und Jugendliche, aber die Syrer und Iraker oder auch die bulgarischen Kinder, die ja auch aus einem ganz anderen Sprachraum kommen, brauchen nach wie vor enorm viel Unterstützung.


Renan: Medial und in der Öffentlichkeit wird das auch mehr dargestellt, der Hilfebedarf für ukrainische Kinder.

Monika: Ich habe sehr viel Unterstützung in der Klasse und russischsprachige Unterstützung und das ist sehr hilfreich, auch wenn neue Kinder dazukommen. Das werden wir auch erstmal beibehalten für die Klasse, dass jemand dabei ist, der russisch kann oder sogar ukrainisch. Im Moment sind zwei Kolleginnen mit zusätzlichen Stunden reingekommen, die aber entlastet werden müssen. Das heißt, dass der neue Stundenplan dann so aussehen wird, dass Honorarkräfte oder Freiwillige auch mal eine Stunde übernehmen, also eine Förderstunde machen, ohne dass da jemand anders dabei ist. Vielleicht müssen wir auch irgendwann noch eine zweite Klasse einrichten, da müssen wir dann auch noch Personal haben, aber offizielles, festangestelltes Personal. Was im Moment Thema ist, was mir heute aufgefallen ist, ich war das erste Mal mit denen in der Turnhalle. Wenn ihr Kontakte zu Sportvereinen habt oder Sportstudierende dabei sind, die sind unheimlich interessiert an Sport. Und die sind auch richtig gut, da sind richtige Talente dabei. Wir haben jetzt schon organisiert ein 13-Jähriger macht demnächst ein Probetraining bei Alemannia Aachen, weil der in seiner Heimatstadt auch in einer übergeordneten Kreisliga war. Ein Mädchen auch, Fußball und Volleyball, sie möchte aber lieber Fußball spielen. Und dann möchten eben welche auch vereinsmäßig oder organisiert Basketball oder Volleyballspielen, die größeren Jungs, die sind da total scharf drauf. Das hat denen so gut getan sich da mal auszupowern. Also wenn man da vermitteln könnte in einen Verein oder eine bestehende Gruppe, auch für die Integration, für die Sprachförderung ist Sport eigentlich super.


Renan: Gibt es hier an der Schule denn bereits Angebote in Form von Sport AGs?

Monika: Also wir haben eine Tanz AG und eine Fußball AG. Aber die sind schon gut gefüllt, weil die schon das ganze Jahr laufen. In die Tanz AG können eventuell noch ein, zwei Mädchen aufgenommen werden, aber Kontakt zu Sportvereinen also sprich Volleyball, Basketball, Tischtennis, das wäre toll. Wenn ihr da auch vielleicht irgendwie Kontakte habt, dass man sagt, die dürfen mal ein Training mitmachen oder so. Also im Bereich Fußball haben wir unheimlich viele Leute hier mit Kontakten zu Vereinen, aber Basketball und Volleyball ist hier ein bisschen schwach besetzt an der Schule und wenn die da in ihrer Freizeit noch Möglichkeiten hätten, das wäre echt toll, da würden die sich glaube ich riesig freuen.


Renan: Das ist auf jeden Fall ein guter Hinweis. Da werde ich mal nachfragen, ob man da ein bisschen vermitteln oder mit Vereinen Kontakt aufnehmen kann.

Monika: Man kann auch überlegen, ob man sowas hier auf dem Schulgelände organisieren kann. Die Turnhallen werden ja auch nachmittags von Vereinen genutzt. Vielleicht könnte man nach 15 Uhr auf dem Schulhof das mit jemandem mit einem Sportlehrerschein organisieren.


Renan: Wir versuchen Mentor*innen anzuwerben, die speziell für ausländische Schüler*innen ein Angebot schaffen können. Da könnte man auch in Richtung AG denken, Mentor*innen, die noch eine Basketball AG anbieten zum Beispiel hier auf dem Schulhof.

Monika: Da müsste man ein bisschen mit den Zeiten gucken. Wenn regulärer Unterricht ist in den Klassenräumen, könnte das stören und zu laut sein.


Renan: Oder alternativ losgelöst von dem Schulkontext. Ich denke, dass es wichtig wäre, dass es dann auch gemeinschaftlich gemacht wird und es eine heterogene Gruppe ist. Was denkst du, bezogen auf die Klasse mit ukrainischen Kindern und Jugendlichen, welchen Beitrag kann die Zivilbevölkerung da leisten, wie schätzt du das ein?

Monika: Hier an der Schule läuft ja eine Menge durch den Zeitungsartikel. Was jetzt viel gefragt ist, ist denke ich die Unterstützung bei Behördengängen. Genau wie die syrischen Familien damals müssen die Personen sich registrieren lassen, Formulare ausfüllen, was die allerdings alle kennen, das sind die gewohnt. Die sind auch viel besser digitalisiert, die haben sich sehr gewundert, dass in Deutschland so viel noch auf Papier gemacht wird. Und eben eine Wohnungs- oder Möbelvermittlung, es gibt ja in der Talstraße dieses Zentrum, dieses Depot, da wird viel koordiniert und es können sich freiwillige Helfende melden. Mit den Sachspenden weiß ich immer nicht genau. Beispielsweise aber Deutschkurse finden für die Mütter und Väter, wäre sinnvoll. Dass man eben auch organisiert, dass die begleitenden Eltern und Großeltern, dass die zumindest die Basics in Deutsch lernen. Ich denke, dass es da bestimmt schon viele Leute gibt, die sich da schon angeboten haben. Ansonsten – Lebenshilfe leisten, ne?


Renan: Also so Buddy mäßig für eine Familie da sein.

Monika: Genau, also Sachspenden haben wir jetzt erstmal nicht mehr angenommen. Es gab jede Menge Unterstützung an Rucksäcken, aber da merke ich jetzt das ich gar nicht alles verteilen konnte. Die sind teilweise mit ihren Schulrucksäcken gekommen, zusätzlich zum Rollkoffer. Das war jetzt gar nicht so unbedingt nötig, das war bei den syrischen und irakischen Kindern nötiger, die hatten keine Schultaschen. Was wir machen werden, wir haben von verschiedenen Institutionen Geldspenden bekommen, die bekommen jetzt erstmal Turnschuhe für die Halle, das müssen neue sein. Da gehen wir in den Ferien jetzt einmal los, da müssen sie einmal anprobieren. Interview Monika Baumeister, Klassenlehrerin der neuen internationalen Klasse der GHS


Renan: Das klingt gut. Ich glaube von meiner Seite aus wären jetzt alle Fragen gestellt. Vielen Dank, das war auf jeden Fall ein super Einblick

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